Dr.-Josef-Sora-Platz

Dr.-Josef-Sora-Platz

Seit dem Jahr 2000 befindet sich unmittelbar neben der katholischen Stadtpfarrkirche in Melk ein Denkmal für die Opfer des KZ-Außenlagers Melk. Der Karlsplatz, auf dem sich das Denkmal befindet, wurde 2002 im Gedenken an Dr. Josef Sora in "Dr.-Josef-Sora-Platz" umbenannt.

Das Denkmal
Die Errichtung eines Denkmals für die Opfer des KZ-Außenlagers Melk im Stadtkern wurde lange Jahre, besonders in der Melker Pfarrgemeinde, diskutiert. Angestoßen durch das Drängen ehemaliger KZ-Häftlinge auf der Gedenkfeier 1995 – 50 Jahre nach der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager – wurde 1997 der Künstler und Bildhauer Franz Kremser (1954 – 2017) von Pater Leo Fürst mit der Gestaltung beauftragt. Im Jahr 2000 konnte das Denkmal auf dem damaligen Karlsplatz, seit 2002 Dr.-Josef-Sora-Platz, errichtet werden.

Franz Kremser bei der Errichtung des Denkmals. Foto: Kremser Privatbesitz.


Das Denkmal, mit Hammer und Meißel aus Granit geschlagen, zeigt ein Triptychon, eine klassische Dreiergruppe (vgl. Flügelaltar, Siegespodest, Vater-Mutter-Kind). Der Stein symbolisiert die körperliche Schwerstarbeit der Häftlinge des KZ Mauthausen, die dort im Steinbruch Granit abbauen mussten.
Die beiden Figuren links und rechts sind blockartig gearbeitet, sie stellen die Verzweiflung und die Trauer dar. Beide Figuren sind zusammengebrochen, haben den Halt verloren. Der Granitblock in der Mitte ist unbehauen. Er befindet sich hinter Gitter als Symbol für die den Häftlingen angetane Gewalt.
Der Künstler Franz Kremser: „Es ist sinnlos, einem Stein Gewalt anzutun, ihn einzusperren. Die Gewalt, die Menschen anderen antaten und tun, halte ich für genauso sinnlos.

Das Denkmal. Foto: ZHZ

 

Dr. Josef Sora
Sora war als Arzt der Luftwaffe im KZ-Außenlager Melk stationiert und bemühte sich, im Rahmen seiner Möglichkeiten die KZ-Häftlinge zu unterstützen. Er wird in vielen Häftlingserinnerungen als besonders positive Erscheinung geschildert, die im krassen Gegensatz zu den weiteren KZ-Bewachern stand. Dr. Josef Sora (*1910 Wien, +2001 Bad Ischl) war von Juli 1944 bis April 1945 im Auftrag der Waffen-SS als Lagerarzt im KZ-Außenlager Melk tätig. Der Luftwaffenoffizier Sora war weder Waffen-SS- noch NSDAP-Mitglied und lebte mit seiner Familie im SS-Bereich des Lagers in der Birago-Kaserne. Sora gewann rasch das Vertrauen der KZ-Häftlinge indem er sie respektvoll „per Sie“, teils auch in ihren Muttersprachen ansprach und nach Kräften den Häftlingswiderstand unterstützte. So erinnert sich etwa der ehemalige französische KZ-Häftling Guy Lemordant wie folgt an die Rolle Soras in Melk: 


„Das Revier des Außenkommandos Melk stand unter der Leitung eines Arztes, Oberleutnants der Luftwaffe, hinsichtlich allem, was die ärztlichen Belange betraf. Dieser Arzt, der aus Wien stammt, war weder SS-Angehöriger noch Nazi, noch Deutscher und tat in etwa das, was er für die kranken Gefangenen tun konnte. Viel konnte er nicht machen, da die SS-Organisation die absolute Kontrolle über die Disziplin und die Arbeit behielt. […] Er sprach ein sehr gutes Französisch und war offensichtlich franzosenfreundlich, was eine ganz seltene Eigenschaft war, sowohl bei den Gefangenen der verschiedenen europäischen Nationen als auch bei unseren SS-Leuten. Allmorgendlich übermittelte er mir die Nachrichten vom englischen Rundfunk und erzählte mir die letzte Wiener Geschichte über Hitler, Geschichten, die nach Art derer waren, wie sie im besetzten Frankreich kursierten. Diese Geschichten und Nachrichten waren oft die besten Stärkungsmittel, die ich meinen Kranken geben konnte.“

In Kooperation mit der Stadt Melk konnte die Info-Tafel am Dr.-Josef-Sora-Platz im Herbst 2020 inhaltlich aktualisiert  und um englische Übersetzung erweitert werden. Foto: Rabl

Obwohl ihm die SS-Lagerleitung deshalb mit Misstrauen begegnete, gelang es Sora, für die KZ-Häftlinge ein Radiogerät zu beschaffen, Medikamente ins Lager zu schmuggeln und eine Brotrösterei für die Durchfallkranken zu initiieren. Im Jänner 1945 kritisierte Sora in einem umfangreichen medizinischen Bericht an die medizinische Abteilung des KZ Mauthausen die gravierenden Mängel bei Ausrüstung und Ernährung im KZ-Außenlager Melk. Überlebende KZ-Häftlinge gaben zudem an, dass Sora im April 1945 gemeinsam mit dem damaligen Melker Landrat Leopold Convall den Plan der Lager-SS vereitelt habe, sämtliche KZ-Häftlinge durch Sprengung der Stollen unter dem Wachberg bei Roggendorf zu vernichten.

Das Beispiel Josef Soras zeigt einerseits, dass es selbst während des totalitären NS-Regimes möglich war, zivilcouragiert zu handeln. Andererseits kosteten direkte und strukturelle Gewalt im KZ-Außenlager Melk binnen eines Jahres fast 5.000 der rund 14.400 KZ-Häftlinge das Leben. Viele dieser Opfer starben auch in jenem Häftlingsrevier, das Sora ab Sommer 1944 unterstanden war.

 

 

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